Eine Freundschaft für’s Leben
Ein Teddymärchen von Claudia Littmann
Ein Sonnenstrahl fiel durch das glaslose Fenster des Daches und erhellte ein bisschen den dunklen Dachboden. Staub lag auf den alten Möbeln, die jemand dort oben vor langer Zeit abgestellt hatte. Ein zweiter und dritter Strahl der aufgehenden Sonne brach durch ein paar locker liegende Dachziegel und tauchte den Dachboden in mehr Helligkeit. Einer der Sonnenstrahlen bahnte sich seinen Weg über einen schönen Holztisch und traf eine rustikal geschnitzte Truhe.
Vor dieser Truhe saß ein etwa ein Meter großes Wesen, das plötzlich zu niesen anfing, als es von der Sonne an der Nasenspitze gekitzelt wurde. „Hatschi, hatschi“, hörte man eine angenehme Brummstimme rufen. „Endlich ist mein Winterschlaf vorbei, der Frühling ist gekommen, jetzt kann ich mich wieder bewegen.“
Eine rotbrauner Teddybär, mit langem Zottelfell, einer blauen Jeanshose, blauer Jeansjacke und einer blauen Jeans-Schirmmütze, stand schwerfällig vom Boden auf, auf dem er jetzt fast fünf Monate gesessen hatte. Er nahm die Schirmmütze vom großen Kopf, schüttelte sich den Staub aus dem Fell und rieb sich die braunen Kulleraugen, die lustig und frech aus dem Bärengesicht herausschauten. Er machte ein paar wackelige Schritte nach vorn, um gleich darauf mit flinken Beinen über den Holzboden zu laufen. Noch ein paar Dehn- und Streckübungen und sein Gesicht fing an zu strahlen und seine Bärenschnauze lachte. „Ich bin nicht eingerostet, ich bin fit wie eh und je nach dem Wingerschlaf. Jetzt habe ich Hunger und möchte die Welt erkunden.“
Wie auf ein Stichwort ging knarrend die Tür zum Dachboden auf und herein kam ein etwa 8-jähriges, blond gelocktes, sommersprossiges Mädchen, das sich hüpfend durch den Raum bewegte. „Bärtram Eurobär, wo steckst Du?“ Aufwachen! Der Winter ist vorrüber, der Frühling ist da.“ Plätzlich wurde der Teddybär von den Armen des Mädchens umfangen, hochgehoben und an den Kinderkörper gepresst. Ein riesiger Mädchenkuss wurde ihm auf sein Maul gedrückt und ihm wurde ganz warm uns sein Bärenherz. Seine Freundin, die jetzt schon ein ganzes Stück größer war als er selbst, hatte ihn nicht vergessen.
Mit ihren Eltern wohnte Tanja in einer Wohnung in dem alten Haus, in dem Bärtram Eurobär seinen 2. Winter verbrachte. Wenn es warm wurde durfte er zu Tanja ins Zimmer, über den Winter musste er auf den Dachboden, um seinen Winterschlaf zu halten.
Vor fast zwei Jahren hatte Tanja ihn auf einem Flohmarkt entdeckt und sich in ihn verliebt. Für 1 Euro hatte ihr Vater ihn gekauft uns so erhielt der Teddybär den Namen Bärtram Eurobär.
Tanja umschlag Bärtram fest und trug ihn die Treppe hinab und hinaus aus dem doch etwas dunkel Einterquartier. Zum Glück war Bärtram locker mit Holzwolle gestopft und nicht so schwer, als dass ein kleines Mädchen ihn nicht tragen konnte. Bärtram schnupperte mit seiner Nase in die jetzt saubere Luft, die ihm entgegenschlug und roch Blumenduft und oh, welche Freude, den Duft eines frischgebackenen Kuchens. Tanja öffnete eine Tür und stand in der Küche, in der ihre Mutter gerade einen Schokoladenkuchen aus dem Ofen zog. „Mama, Bärtram ist aufgewacht. Jetzt hat er bestimmt großen Hunger. Dürfen wir ein Stückchen Kuchen haben?“ Tanjas Mutter drehte sich zu den beiden um und sagte: „Aber natürlich. Bevor Bärtram vor Hunger umfällt, bekommt er ein Stück und du auch. Aber ihr müsst noch ein paar Minuten warten, der Kuchen ist noch zu warm zum Schneiden. Ich rufe dich, wenn er soweit ist, dass man ihn anschneiden kann. Bringe Bärtram doch schon mal in dein Zimmer.“
Und so trug Tanja den Bären in ihr Zimmer und setzte ihn in den Sessel neben ihrem Bett, der jetzt für die naächsten Monate sein Platz sein würde. Manchmal nahm ihn Tanja auch mit in ihr Bett und beide kuschelten sich aneinander, denn dann beschützte er durch seine Anwesenheit seine kleine Frundin. Z.B., wenn es draußen ein Gewitter gab, oder sie schlecht geträumt hatte. Da Bärtram aber ein sehr großer Teddy war, konnte er nicht die ganze Zeit bei Tanja im Bett bleiben, für beide war es zu klein. Daher freute er sich besonders, wenn der Fall eintrat, um Tanja ihre Angst zu nehmen.
Als die Mutter rief, ging Tanja hinaus, um den Kuchen zu holen. Bärtram schaut sich inzwischen im Kinderzimmer um. Es sah dort noch genauso aus, wie im letzten Jahr. Nichts hatte sich verändert. An der Wand gegenüber dem Fenster stand Tanjas Bett mit dem Nachttisch und daneben der Kleiderschrank, der eine Spiegeltür hatte. An der Wand gegenüber der Zimmertür stand der Schreibtisch mit seinem Stuhl, daneben Tanjas Schulranzen. Ein Regal mit Büchern und Spielsachen gab es auch, den Sessel auf dem Bärtram saß und noch zwei Sitzkissen auf dem bunten Teppichboden. Durch das Fenster konnte man in den kleinen Garten gucken, der zum Haus gehörte und in dem ein großer Nussbaum inmitten eines gepflegten Rasens mit einer Hecke darum stand. Bärtram reckte sich etwas in seinem Sessel und konnte so aus dem Fenster sehen. Viele kleine Schneeglöckchen und einige gelbe Krokusse leuchteten als Fabrtupfer auf dem noch nicht richtig grünen Rasen. Aber er war da, der Frühling. Es konnte nur noch besser werden. Bärtram brummte selig. Da kam Tanja mit einem Teller und zwei Stückchen Schokoladenkuchen herein. Sie legte ein Stück Kuchen auf eine Serviette und diese Bärtram in den Schoß. Das andere Stück schob sie sich langsam abbeißend in den Mund, während sie auf ihrem Bett saß. „Ich schaue ein bisschen zum Fenster raus, Bärtram, dann kannst du in Ruhe deinen Kuchen essen, und musst dich nicht genieren, wenn etwas hinunterfällt.“ So machte sie es immer. Natürlich war Bärtram nur ein Spielzeug, aber ein ganz besonderes, das doch etwas Lebendiges an sich hatte. Tanja wusste es. Sie sprach aber mit niemandem darüber, denn sie würde wohl nur ausgelacht werden, wenn sie zum Beispiel erzählte, dass der Kuchen nach einer Weile immer verschwunden war, wenn sie wieder zum Teddy hinsah. Ihre Mutter lächelte immer und sagte: „Na, hat Bärtram der Kuchen geschmeckt?“ Sie wartete keine Antwort ab, denn Tanja glaubte, dass ihre Mutter meinte, Tanja hätte beide Stücke Kuchen gegessen. Aber so waren Erwachsene eben. An ein klein wenig Magie glaubten sie nicht. Tanja war ihren Eltern deswegen aber nicht böse. Wer wusste, wie sie einmal reagieren würde, wenn sie erwachsen war.
Bärtram zwinkerte Tanja zu, als sie die Serviette an sich nahm, um sie in den Mülleimer zu bringen, und Tanja zwinkerte fröhlich zurück. Ob mit Magie oder ohne, sie wusste, ihr Bärtram war außergewöhnlich.
Es klingelte an der Haustür und kurz darauf stürmte Lisa, Tanjas Freundin, ins Kinderzimmer. „Hallo Tanja, jetzt können wir spielen, ich bin mit meinen Hausaufgaben fertig und wie ich sehe, du auch. Hallo, da ist ja Bärtram.“ An den Teddy gewandt sagte Lisa: „Na Bärtram, ist doch schön wieder hier unten zu sein, oder nicht?“
Lisa war vom Aussehen her genau das Gegenteil von Tanja. Schwarze, glatte, kurze Haare, eine Brille auf der Nase, aber auch nett und lustig wie Tanja. „Aber meine Tanja ist die Liebste von allen“, dachte Bärtram. Die beiden Mädchen schnappten sich je einen Arm des Bären und trugen ihn gemeinsam in den Garten hinaus. Dort setzten sie ihn auf einen kleine Hocker, den sie unter den Nussbaum gestellt hatten. „Du kannst beim Spielen zusehen, Bärtram“, sagte Tanja und holte einen Ball, mit dem sie und Lisa nun spielten. Bärtram freute sich, in der frischen Luft zu sitzen, den Mädchen beim Spielen zuzusehen, die Vögel zwitschern zu hören und die ersten Schmetterlinge und Käfer zu beobachten.
Er fühlte sich bärenwohl. Die Zeit verging wie im Flug. Als es langsam zu dämmern anfing, verabschiedeten sich die Mädchen und Tanja nahm Bärtram wieder mit in ihr Zimmer. „Ich gehe zu Mama und Papa Abendbrot essen, Bärtram, und ich bringe dir auch etwas mit.“ Tanja verließ das Zimmer. Als sie wiederkam, legte sie dem Teddy ein paar Zuckerwürfel in den Schoß. Bärtrams Herz machte einen Freudensprung. Wie gut es ihm doch ging. Tanja packte noch ihren Ranzen für den nächsten Tag, ging ins Badezimmer, um sich zu waschen und zog dann ihren Schlafanzug an. „Gute Nacht mein Tedybär“, wünschte Tanja und strich liebevoll über Bärtrams Kopf. „Schlaf gut und träume etwas Schönes!“. Dann legte sich Tanja in ihr Bett und löschte das Licht. Nach einiger Zeit hörte Bärtram Tanja leise und ruhig atmen. Sie war eingeschlafen. Jetzt konnte auch er beruhigt an Schlaf denken, denn nach der langen Zeit des Nichtstuns auf dem Dachboden, war der heutige erste Tag mit Tanja doch recht anstrengend gewesen. Bärtram glitt langsam von seinem Sessel und lief leise an Tanjas Bett. Er hob seinen rechten Arm und strich mit seiner Pfote behutsam über die Haare des Mädchens. „Schlaf auch gut, meine kleine Freundin“, brummte der Bär leise, kletterte wieder in den Sessel und war bald darauf eingeschlafen.
Am nächsten Morgen klingelte Tanjas Wecker sehr zeitig und Bärtram wachte erschrocken auf. Das Geklingel des Weckers war etwas, dass Bärtram in der Menschenwelt nicht gefiel. Laut und hektisch drang das Gebimmel an seine Ohren, als plötzlich Stille eintrat. Tanja hatte den Wecker ausgeschaltet. „Guten Morgen, du Schlafmütze. Jetzt muss ich mich aber beeilen, damit ich den Schulbus nicht verpasse“, rief ihm Tanja zu und war auch schon im Bad verschwunden. Nachdem sie wieder herauskam, zog sie sich rasch an, schnappte ihre Schultasche, gab Bärtram einen Kuss und lief aus dem Zimmer. „Bis heute Mittag, tschüß Teddy“, hörte er sie noch rufen, dann war sie weg.
Ach, jetzt war er alleine. Bärtram wartete, bis er in der Wohnung niemanden mehr hörte, ging zum Fenster und schaute in den Garten. Er wusste nicht wie lange er aus dem Fenster gesehen hatte, als es plötzlich sehr laut in der Wohnung wurde. Türen schlugen und er hörte Tanjas Mutter weinen. Schnell setzte er sich in seinen Sessel. Was war da los? Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Da ging die Tür von Tanjas Zimmer auf und Tanjas Mutter kam herein. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie hatte eine Tasche in der Hand, die sie jetzt mit Kleidern aus Tanjas Kleiderschrank füllt. Sie drehte sich zu dem Bären um und sagte: „Der Schulbus von Tanja ist verunglückt, viele Kinder sind verletzt. Tanja liegt im Krankenhaus. Aber warum sage ich dir das? Du verstehst mich ja doch nicht.“ Und weg war sie. Bärtram blieb fast ein Teddyherz stehen. Seine Tanja im Krankenhaus? Ein Unfall! Wie ging es ihr? War sie schwer verletzt? Wie konnte er das herausfinden? Was konnte er tun? Bärtram merkte, wie er ganz traurig wurde. Nichts konnte er im Moment machen. Aber vielleicht erzählte ihm bald jemand, wie es um Tanja stand. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu warten.
Die Zeit verging und es wurde dunkel. Niemand kam, um ihm etwas zu Essen zu bringen, niemand spielte mit ihm und keiner streichelte über sein zottiges Fell. Er fühlte sich so hilflos. Als er Stimmen in der Wohnung hörte, tapste er leise zur Zimmertür, die nur angelehnt war. Bärtram lauschte, bis er verstand, was Tanjas Eltern redeten. Der Schulbus hatte sich überschlagen, als ein anderes Auto dem Bus die Vorfahrt nahm. Tanja hatte zwar außer einigen Prellungen keine besonderen Verletzungen, aber sie lag im Koma. Irgendwie musste ihr Kopf etwas abbekommen haben. Koma, an das Wort konnte sich Bärtram erinnern. Das war so etwas wie ein langer Schlaf, den man aber nicht gewollt hatte. Manchmal erwachte man schnell wieder, aber manchmal dauerte es Wochen, Monate oder gar Jahre, bis man wieder zu sich kam und wenn man Pech hatte, war man danach sehr krank. Bärtram schüttelte sich. Ihm war kalt geworden. Seine arme Tanja. Warum musste gerade ihr so etwas Schlimmes passieren? Niedergeschlagen setzte er sich in seinen Sessel und wartete. Drei Tage vergingen. Keiner kam um sich um ihn zu kümmern. Darüber war er natürlich auch traurig. Aber es ging jetzt zuerst um seine Freundin.
Plötzlich ging die Tür auf und Tanjas Vater kam herein. „Bärtram, vielleicht kannst du helfen. Tanja hängt ja so an dir. Sie ist immer ganz unglücklich, wenn du wieder auf den Dachboden musst.“ Er nahm den Bären und trug ihn aus dem Haus. Tanjas Mutter wartete schon im Auto. Bärtram wurde auf die Rückbank gesetzt und angeschnallt. Der Vater stieg ins Auto und los ging es. „Was soll das jetzt?“, dachte der Teddy. „Da bin ich aber gespannt.“
Die Fahrt ging durch eine große Stadt. Viele Autos und Menschen waren unterwegs. Regen klatschte auf die Fahrbahn und die Bürgersteige und lief den Leuten über ihre Kleidung. Sie fuhren lange durch viele Straßen, um dann vor einem riesigen Gebäude mit vielen Fenstern zu halten. Krankenwagen standen vor dem Haus und Personen gingen durch die große Flügeltür hinein oder hinaus. „Das ist das Krankenhaus, in dem Tanja liegt“, sagte der Vater, stellte den Wagen auf einen Parkplatz und stieg mit ihm und Tanjas Mutter aus. Bärtram wurde durch lange Fluge getragen, die alle in weiß gehalten waren. Männer und Frauen mit grüner und weißer Kleidung eilten an ihnen vorbei. Ab und zu stand ein Bett im Korridor, in dem entweder eine kranke Person lag, oder das leer war. Leute, die weinten oder traurig aussahen, oder Kinder, die von ihren Eltern ermahnt wurden, nicht im Haus zu rennen, sah Bärtram auch. Ein Mann kam und die Ecke und hatte einen Blumenstrauß in der Hand. Aber niemand schien besonders von einem Mann und einer Frau mit einem großen Teddybären Notiz zu nehmen. Vor einer Tür mit der Nummer 206 hielten sie an. Die Mutter öffnete die Tür und sie traten ein.
In einem großen Krankenbett lag ganz klein und mit geschlossenen Augen seine Tanja. Oh, wie schutzbedürftig und zerbrechlich sie wirkte. Einen Krankenschwester stand am Bett und lächelte den Eltern zu, als diese eintraten. „Alles unverändert“, sagte sie. „Ich komme später wieder.“ Noch ehe jemand etwas erwidern konnte, war sie auch schon weg. „Hallo, mein Schatz, wir haben dir jemanden mitgebracht. Bärtram Eurobär ist hier.“ Der Vater trat an das Krankenbett und stricht mit Bärtrams Arm über Tanjas Gescicht. Nichts. Keine Regung. Auch beim zweiten Streicheln geschah nichts. Enttäuscht sahen sich die Eltern an. „Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, schluchzte die Mutter leise.
Neben dem Bett stand eine Stuhl, in dem Bärtram gesetzt wurde. Der Stuhl wurde ganz nah zu Tanja geschoben. „Vielleicht spürt sie ja, dass ihr Teddy da ist“, meinte der Vater. Eine Stunde unterhielten sich die Eltern laut im Beisein ihrer Tochter über alle möglichen Dinge: das Wetter, die Schule, die Freunde, über Essen und Spielen. Dabei sprachen sie das Mädchen ab und zu an, als hofften sie, dass Tanja sich in das Gespräch einmischen würde. Aber Tanja blieb stumm. Die Eltern verabschiedeten sich von ihrer Tochter und versprachen morgen wieder zu kommen. Als sie gingen, ließen sie den Bären bei Tanja zurück. Nun hatte Bärtram Zeit, das Krankenzimmer näher zu betrachten.
Es war überall weiß, weiß und nüchtern. Nur ein bunter Blumenstrauß stand auf dem rollbaren Schränkchen auf der anderen Seite von Tanjas Bett. Ein Beutel aus Kunststoff mit einer farblosen Flüssigkeit hing an einer Art Stange auf Rädern. Aus dem Beutel führte ein langer, dünner Schlauch zu einem von Tanjas Armen. Am Ende des Schlauches befand sich eine Nadel, die man Tanja in eine Vene gelegt hatte und die mit einem Klebstreifen fixiert war. Tröpfchenweise lief die Flüssigkeit den Schlauch hinunter und verschwand in Tanjas Arm. „Wahrscheinlich ist das Essen und Trinken für Tanja, das sie ja selbst nicht essen und trinken kann“, dachte Bärtram und eine dicke Träne kullerte aus einem seiner Augen und lief sein Gesicht hinunter. „Wie schrecklich, wie schlimm. Mein armes Mädchen.“ Die Zimmertür ging auf und die Krankenschwester kam herein. Sie lächelte Bärtram an, um danach den Schlauch an Tanja zu kontrollieren und Tanja den Puls zu fühlen.
Nachdem Bärtram wieder allein war, rutschte er vom Stuhl und stellte sich an Tanjas Bett. Seine große Tatze strich behutsam über ihr Haar, einmal, zweimal. Keine Reaktion. Da zog Bärtram sachte Tajas Bettdecke etwas zur Seite und krabbelte zu ihr ins Bett. Ganz eng drückte er sich an ihren Körper und fing leise eine Melodie zu brummen an. Wieder und wieder streichelten seine haarigen Arme Taja und plötzlich geschah es. Eine von Tanjas Händen wuschelte über Bärtrams Kopf, erst zaghaft, dann fester. Tanja drehte sich zu ihm hin und schlag die Arme um ihrem Teddybär. Sie öffnete kurz die Augen, lächelte Bärtram an und schlief sofort wieder ein.
Als die Krankeschwester am Abend kam, um nach Tanja zu sehen, bot sich ihr ein seltsamer Anblick, der sie aber sehr berührte. Der große Teddybär lag im Bett des kranken Mädchens und beide hielten sich eng umschlungen. Der Arzt wurde herbei gerufen und sah erstaunt dasselbe Bild. „Sie muss sich den Bären ins Bett geholt haben. Also ist sie aufgewacht.“ Er ging zu Tanja, um sie vorsichtig zu schütteln und sagte: „Hallo Tanja, aufwachen.“ Tanja schlug ihre Augen auf und sah sich um. „Wo bin ich? Was ist passiert? Ah, da ist ja mein Bärtram. Ich habe Hunger.“ Der Arzt lächelte: „Immer mit der Ruhe, mein Fräulein. Du bist im Krankenhaus, weil du einen Unfall hattest. Ich rufe gleich deine Eltern an, damit sie her kommen. Sie können dir dann alles erzählen. Jetzt bekommst du erst einmal eine Kleinigkeit zu essen. Aber nicht zu viel. Dein Bär kann noch eine Weile bei dir im Bett bleiben. Später muss er aber wieder auf den Stuhl zurück.“ Er fühlte Tanjas Puls und schaute ihr mit einer kleinen Lampe in die Augen. Danach ließ er von der Schwester die Nadel aus Tanjas Arm entfernen und ein Pflaster auf die kleine Wunde kleben. Bärtram machte sich dabei so klein wie möglich, um nirgends zu stören. Als er seine Tanja reden hörte, hüpfte sein Herz vor Freude in seiner Brust und seine Augen strahlten. „Komisch“, sagte die Krankenschwester, „ich könnte schwören, dass der Bär gelächelt hat. Aber so etwas gibt es ja nicht.“ Da schaute Tanja Bärtram an und zwinkerte ihm zu. Sie wusste, dass es so etwas bei ihrem Bären gab.
Die Eltern konnten ihr Glück kaum fassen. Tanja war wieder bei ihnen und wie es aussah, war sie auch ganz gesund. „Es war doch die richtige Entscheidung, den Bären mit ins Krankenhaus zu nehmen. Er hat Tanja für uns zurück geholt.“ Die Mutter küsste Bärtram, der nun wieder auf seinem Stuhl neben den Krankenbett saß, das ganze Gesicht ab. „Uh, das war schön, aber doch ein wenig zuviel des Guten“, war Bärtrams Gedanke, aber er konnte die Freude der Mutter verstehen. An den Teddybären gewandt sagte der Vater: „Du musst nie wieder den Winter auf dem Dachboden verbringen. Du darfst jetzt immer bei Tanja in ihrem Zimmer wohnen.“
Nach einigen Tagen, die Tanja noch zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben musste, wurden er und seine Freundin mit dem Auto von den Eltern abgeholt. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien, die Vögel sangen und zu Hause wartete ein frisch gebackener Kuchen auf die Heimkehrer.